Philosophie

Corona - Ethik in der Krise

Wir befinden uns jetzt seit einiger Zeit in der Situation, dass sich die Zahl der infizierten Mitmenschen täglich deutlich erhöht. Solidarität wird von den höchsten und wichtigsten Stellen der Gesellschaft gefordert. Wir sollen zu Hause bleiben, nicht Hamstern und vor allem Ruhe bewahren. Es kann nur alles gut werden, denkten wir aneinander – und nicht nur an uns selbst und den engeren Familienkreis.                    

Leider ist diese einfache Aufforderung für die meisten Leute schon zu viel verlangt. Es kursiert die Fehlinterpretation, dass der aktuelle Zustand mit Ferien (Corona-Ferien) gleichzusetzen sei. Das ist nicht der Fall. Kitas, Schulen, Univeristäten, Stätten des öffentlichen Lebens und manche Büros wurden nicht aus dem Grund geschlossen, dass sich die Deutschen jetzt in den Urlaub, picknickmäßig in den Stadtpark oder gesellig in die Wohnung von Freund*innen begeben. Wir sollen uns zurückziehen!

Nur so kann der Virus eingedämmt werden und auch nur so ist es möglich zu verhindern, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet wird.

Es gibt verschiedenste Ansätze die Krise zu bewältigen. Experten der Regierung, des Robert Koch Institutes und anderer professioneller Einrichtungen arbeiten Tag und Nacht an möglichen Lösungen. Das Problem der ganzen Sache ist nicht, dass es keine Lösungsansätze gibt, die nicht sinnvoll wären, sondern, dass es Leute gibt, denen das alles schlichtweg egal ist.

Die ZEIT hat am 17. März einen Artikel zum Verhalten bestimmter privilegierter Menschengruppen veröffentlicht, in dem gesagt wird, dass wir Deutschen wohl zuerst die selbe Erfahrung machen müssten, wie die Menschen in Italien, bis wir begreiften, was passiert.

Es wird sich weiterhin fröhlich getroffen, die Kleinen werden zu ihren Freund*innen gebracht, weil die Eltern nicht wissen, was sie mit den eigenen Kindern anfangen könnten. Persönlich kann ich die Ausgangssperre schon spüren. Bald wird uns nichts anderes mehr übrig bleiben, als den ganzen Tag in den eigenen vier Wänden zu versauern – und das nur, weil ein paar Menschen sich nicht an die einfachsten Anweisungen halten können; das „sollen“ der Regierung ist ja längst kein „müssen“. Armin Nassehi twittert zu Recht, dass sich in dieser Situation der moderne autoritäre Charackter zeige.

Wieso fällt es so schwer das Leben zumindest für ein paar Wochen ruhiger anzugehen und unwichtige Termine zu verschieben?

Ist unsere Gesellschaft tatsächlich schon so vom negativen Egoismus durchwachsen, dass für die eigene Person alles wichtig ist? Nicht einmal der Utilitarismus, der grundsätzlich ohne ethische Begriffe auskommt, würde ein solches Verhalten unterstützen. Das größte Glück für die größtmögliche Zahl ist in dieser Situation doch wohl, dass es schnell vorbeigeht, das Virus eingedämmt wird und wir unseren normalen Alltag wieder begehen können und nicht, dass sich jetzt jede*r im Stadtpark zum Familiengrillen trifft.

Ist es so schwer nachzuvollziehen, dass der Virus selbst vor jungen Leuten nicht halt macht. Ja, die Symptome mögen vielleicht in der Breite bei jungen Leuten weniger stark ausfallen, aber trotzdem ist das nicht mit Immunität zu verwechseln!

© Die Sokratiker

Weiter noch finde ich es sinnlos Aufrufe auf Facebook zu starten, dass doch bitte jede*r sich um 21.00h auf den Balkon der eigenen Wohnung stellt, um den Leuten im Gesundheitswesen zu applaudieren. Es mag augenscheinlich eine nette Aktion sein, aber das bringt den Pflegekräften und sonstigem Personal trotzdem nicht das wohl verdiente und faire Gehalt, das ihnen seit Jahren verwehrt wird. Sie haben nichts davon und schon gar nicht, wenn sie sich dann doch den ganzen Tag nur von ihren Patienten beleidigen lassen müssen. Natürlich macht das nicht jede*r Patient*in, dennoch beschweren sich die Leute immer wieder wegen der langen Wartezeiten oder anderen Komplikationen. Vielleicht sollte der Fehler erstmal bei der eigenen Person gesucht werden. Immerhin ist es logisch, dass Wartezimmer gefüllt sind, wenn dort Leute sitzen, die gar nicht wirklich hätten kommen müssen, aber trotzdem ihre Beschwerden als wichtiger einschätzen, als die derjenigen, die tatsächlich krank sind.

Freundlichkeit wird im Alltag gebraucht und nicht irgendwelche Applaudier-Aktionen!

Nun möchte ich auf den Titel zu sprechen kommen: Ethik in der Krise. Wie schon zwischenzeitlich angemerkt, kann nicht einmal eine glücksorientierte Ethik, wie etwa der Utilitarismus, eine derart egoistische Haltung gegenüber den Mitmenschen unterstützen, da für seinen Mitbegründer John Stuart Mill das Nützlichkeitsprinzip und nicht zuletzt auch die Vernunft wichtige Bestandteile der Theorie sind. Welchen Nutzen hätte es für mich und meine Nächsten, verfolgte ich weiterhin meinen gewöhnlichen Alltag und steigerte so die Gefahr einer schnelleren Infizierung der Bevölkerung, die schließlich zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führt? Nein, es scheint mir keine logische, vernünftige Rechtfertigung einzuleuchten, welche das momentane Verhalten mancher Menschen begründen könne.

Moralisches Verhalten ist rechtfertigungsfähiges Verhalten. Dieser einfachen Aussage folgend, ist das Verhalten dieser „Trotzer*innen“ schlichtweg unmoralisch und gegen die Gemeinschaft. Sie scheinen es für sinnvoller zu halten, weiterhin mit fremden Menschen in Kontakt zu kommen und so eine landesweite Ausgangssperre – die mit Sicherheit noch kommen wird – zu riskieren. Welcher Wahnsinn.

Halten wir uns lieber an Charles Darwin und sichern unser Überleben durch exzellente Anpassung an die derzeitigen Umstände („survival of the fittest“) – als Gemeinschaft, denn immerhin sind unsere Großeltern die Hauptrisikogruppe!

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