Philosophie

Das Bild "Bohemia Lies by the Sea" (1997) des Malers Anselm Kiefer birgt eine tiefe und erschreckende Wahrheit in sich. Böhmen, was als Binnenstaat in der Mitte Europas 'eingesperrt' ist, kann niemals am Meer liegen. Das liegt natürlich daran, dass es nicht mehr namentlich existiert, und vor seinem Verschwinden nie am Meer gelegen hat. Was soll nun daran erschreckend oder tiefgreifend sein? 

Kiefer hat sich von dem Gedicht "Böhmen liegt am Meer" (1964) der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann inspirieren lassen, welches den Wunsch nach einer Utopie ausdrückt, der aber nie erfüllt werden kann, genauso wie Böhmen niemals am Meer liegen kann. Dieser Gedanke an eine Fantasie, ein Verlangen, ein Sehnen, der/die hoffnungslos ist, erinnert an das Gefühl des Expressionismus und seine*ihre Künstler*innen. Der Wunsch nach Wandel und Veränderung, der zur Kriegseuphorie von 1914 führte, der erregte Schrei nach einer Umwälzung der politischen und sozialen Verhältnisse, das Verlangen die Schranken, die sie von der wahren Erfahrung der Welt trennte - welche die Gesellschaft aufbaute - niederzureißen, ist für eine*n Jugendliche*n des 21. Jahrhunderts mehr als nachvollziehbar. 

Während sich unsere Generation auf den Straßen für mehr Solidarität die Füße wund läuft, bestimmen die 'alten, weißen Männer' (ein Schlachtruf mit dem auch Frauen gemeint sein können, die an den veralteten und unzulänglichen Verhältnissen der patriarchalischen Gesellschaft festhalten) den Bau eines weiteren Kohleabbaugebietes oder erlauben bestimmten Konzernen ihre eigene Bevölkerung zu betrügen. 

Auf Kiefers Gemälde können wir Mohnblumen erkennen, die den Horizont schmücken. Sie stehen vor allem in der englischsprachigen Kultur für Militärveteranen und ist mit Motiven wie dem Traum, Schlaf und Tod konnotiert. Die Veteranen bekommen durch verschiedene Sprenkler roter Farbe besondere Aufmerksamkeit, diese sollen den Eindruck von getrocknetem Blut vermitteln. 
Dazu ist eine Straße abgebildet, welche durch ihre Endlosigkeit Hoffnungslosigkeit ausdrücken könnte. Übertragen gesehen wäre somit wiederum das unerfüllbare Sehnen nach jener Utopie dargestellt. Dennoch schmückt eine Blume, die an Krieg, Tod, Trauer und Schrecken erinnern soll, diesen Weg. Wir scheinen also immer wieder zu versuchen unsere Utopie zu erfüllen oder durchzusetzen, was schlichtweg in Blutvergießen endet. So hat jede Revolution, hat sie noch so gute Veränderungen gebracht, dennoch Tote gefordert. 

Ich möchte mir die Frage nach meiner Utopie stellen. 
Was ist es, dass es überhaupt erst nötig macht sich eine Utopie zu überlegen. Ihre Charaktereigenschaft ist die 'perfekte' oder zumindest eine bessere Welt, was also fehlt in der jetzigen? Was ist ein anregender oder erregender Zustand, der politische Motivation auslöst?

Zuerst fällt mir Egoismus auf. 
Als eine lebenserhaltende Vorsicht entwickelten wir ihn in der Evolutionsgeschichte (positiver Egoismus), als Gier, Neid, Rücksichtslosigkeit und Ego-zentrismus kultivierten und förderten wir ihn im Kapitalismus (negativer Egoismus). Kümmerten wir uns mehr um das Miteinander und wahre, ehrliche Solidarität, die das Leben überhaupt erst lebenswert machen, wäre dies ein erster Schritt. Eine utopische Welt müsste sich also mehr auf das Wir und das wohlwollende Prinzip der Bedarfsgerechtigkeit bemühen. 

Weiter fällt Ungerechtigkeit auf.
Egal ob es die Lebensmittelverschwendung oder die Klimakrise sind, überall auf der Welt treten un-gerechte Phänomene auf. Gerechtigkeit bedeutet dabei aber nicht Gleichheit. Nicht jeder Mensch ist gleich, wir sind immerhin alle Individuen, alle haben andere Stärke und Talente. Nicht jeder Mensch hat zum Beispiel das gleiche Einkommen, aber  (formal) die gleichen Rechte - würden die Menschenrechte überall umgesetzt werden. Dass Menschen aber zum Beispiel un-gleich verdienen ist an sich gerecht, nicht alle leisten  schließlich den gleichen Beitrag zur Gesellschaft. Die Frage nach der Gerechtigkeit in dieser Situation hat also einen klaren Maßstab: das Bemühen um die Gesellschaft (das 'Wir'). 
Wie kann es also sein, dass ein betrügerischer Vorstand (wie bei VW oder anderen verbrecherischen (weil verurteilt) Unternehmen) für ihre Taten Millionen von Euro kassieren können, die*der Arzthelfer*in oder Pfleger*in aber gerade so über dem Mindestlohn steht? Dort befindet sich ein asymmetrisches Verhältnis. Wie können wir zulassen, dass tatsächlich gesellschaftstragende Berufe verkümmern während egozentrische und gewinnorientierte Kohleunternehmen immer weiter subventioniert werden? Wie kann es sein, dass ein Gesundheitsminister lieber Pflegekräfte aus Mexiko heranzieht anstatt sich über eine Attraktivmachung dieser Branche zu bemühen? 
Nun werden mir einige entgegenwerfen wollen, dass große Unternehmen überhaupt erst unseren Wohlstand garantieren. Das mag sein, aber ist dieser Wohlstand gerecht? Zumal er auf den Rücken kleiner Kinderarbeiter in Asien ausgetragen wird? Zumal er zu massiver ökologischer Ausbeutung und Zerstörung führt? Unser Wohlstand ist nur durch Ausnutzung anderer, unterdrückter Staaten möglich.
Allein der Fakt, dass bei Themen, die das Mensch-sein und schließlich die Würde des Menschen adressieren, das Thema Geld eine gewichtigere Rolle spielt ist unzumutbar.

Damit komme ich zu meinem vorerst letzten Punkt, dem Zustand, dass wir von Geld und Wirtschaftlichkeit regiert werden.
Unsere heutigen Regierungen werden mit Lobbyist*innen bestückt, die gemeinsame Sache mit Konzernen wie NESTLE oder RWE machen. Wieso ist es möglich, dass sich Politik immer nach der Wirtschaft oder 'schwarzen Null' bemühen muss? Wieso müssen erst schlimmste Krisen auftreten, damit wir realisieren, was in unserem System falsch läuft? Kann es nicht selbstverständlich sein, dass sich ein Gesundheitssystem wohl gefüttert einer Pandemie stellen kann? Müssen wir erst zusehen wie tausende Menschen auf LKW zu Krematorien gekarrt werden, bevor wir realisieren, was 'Wirtschaftlichkeit' wirklich bedeutet? Nur weil etwas effizient zu sein scheint, ist es auch sinnvoll oder richtig.
Der Mensch muss als ein solcher wieder im Zentrum stehen. Seine Wohlergehen und seine Würde sind nicht mit Geld aufwiegbar und das sollten wir endlich verstehen. Dann kann ich als 'kleiner Mann' vielleicht mal nicht jeden Tag ein widerlich produziertes Schweinenacken-Steak braten, aber dafür geht mein Planet auch nicht in naher Zukunft vor die Hunde. 

Sapere aude.

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