Politik

Political Correctness - eine Stellungnahme

Wie eine politisch korrekte Sprache aussieht, das haben wir alle vor Augen: keine diskriminierenden, herabsetzenden oder schlicht beleidigenden Worte aufgrund jemandes Hautfarbe, Religion oder Sexualität wählen. Hauptsächlich konzentriert sie sich auf das Sprechen, da Handlungen in eine solche Richtung strafrechtlich verfolgt werden. In der Sprache aber geht es um „subtile Gewalt“. Bei der Sprache handelt sich laut Hornscheidt um Sprachhandeln.

 

Übte ich eine konkrete physische Handlung aus wie etwa schlagen, kratzen, beißen (Kindergarten-Dreisatz), dann wäre es eine grobe, oberflächliche Art von Gewalt, von der sich der Körper – je nach Akt – eher schnell wieder erholen kann. Bei der Sprache ist das anders. Ich kann meine Worte gezielt, fein strukturiert, nuanciert und mit viel Feingefühl auswählen (Bewusstsein) – eben subtil. Ein solcher Angriff befällt den Körper nicht direkt, er ist ja eben nicht physisch, aber dafür umso mehr den Geist. Hier haben wir dann ein Problem, denn von einer geistigen Attacke erholen sich die Menschen langsamer oder sogar gar nicht, da Sprache Wirklichkeit schafft. Durch Sprache können wir uns Dinge verfügbar, vorstellbar machen. An der Redewendung "sich etwas einreden" können wir das schon bemerken. 

 

Schmeiße ich meinem Gegenüber plumpe Beleidigungen an den Kopf, dann ist das mitunter nicht weiter schlimm, da sie keine Beachtung finden; wenn meine Aussagen aber strukturiert und gezielt überlegt sind, dann können sie aufs Schlimmste erschüttern. Die Sprache eröffnet mir die Möglichkeit tiefliegende Dinge auszudrücken. Worte haben Folgen für andere Personen. In Bezug auf die subtile Gewalt kommt somit zum Beispiel der Sexismus ins Spiel. Rollenbilder und Verhaltensstrukturen sind begrifflich verfestigt. Nur so verstehen wir, was "männlich" und was "weiblich" sein soll. So werden Menschen aufgrund oberflächlicher und mitunter falscher Vorannahmen in diese Gebilde gedrückt und gebrochen. Nützten wir aber eine Geschlechter neutrale Sprache, dann könnte sich jede*r aussuchen, wer oder was er* oder sie* sein wollten. Diesen gesellschaftlichen Druck der u.a. binären Einordnung können wir als Gewalt bezeichnen, da er Menschen in den tatsächlichen Selbstmord treibt. Das wäre ein Beispiel dafür, wie verbale Gewalt, den Geist brechen und physische Konsequenzen folgen lassen kann.

 

Diese Form der Gewalt muss aber nicht einmal böswillig und mit Absicht geschehen. Es kann auch eine ganz "normale" Frage sein oder eine Bemerkung, die "gar nicht so gemeint" war. Durch Sprache sprechen wir Sachen an. Ob das Dinge in der Welt sind oder Dinge in unseren Tiefen. Stellen wir uns vor wie es für jemanden wäre, der finanzielle Sorgen hätte und wir würden in seiner Gegenwart nur über unsere neuen Errungenschaften reden. In diesem Szenario kann es durchaus sein, dass wir nur erzählen wollten, wofür wir monatelang hart gearbeitet haben etc., aber trotzdem kommt im Gegenüber ein ungutes Gefühl auf. Die Sorgen kommen wieder hoch und werden ihm*ihr im Kontrast zu uns wieder bewusst gemacht. Unserer Sprachhandlung folgt Verunsicherung in einem anderen Menschen.

 

Genauso geschieht das mit (Alltags)Rassismus. Es mag sein, dass die Person of Color vor mir aus einem anderen Land kommt, vielleicht ist diese Person auch aus einem fernen Land geflüchtet, dass kann ich aber nie wissen! Einerseits ist es möglich, dass diese Person in Deutschland geboren und aufgewachsen ist - also de facto deutsch ist; andererseits kann es sein, dass sie tatsächlich geflohen ist. In beiden Varianten ist es eine unangebrachte Frage. Im ersten Fall ist es unangebracht vorauszusetzen, dass Menschen, die nicht aussehen wie ich, nicht aus dem gleichen Land stammen können - das sagt dann sehr viel über mich als Person aus; im zweiten Fall spreche ich mitunter höchst unangenehme Erfahrungen der Person an, die ich damit wieder bewusst werden lasse. Natürlich kann es auch sein, dass diese Person im Ausland von einem deutschen Unternehmen angeheuert wurde und nun im Ursprungsland der Firma Karriere macht, also vielleicht gerne mit mir über ihren Erfolg reden mag. Aber das kann ich, wie gesagt, nicht wissen, daher sollte ich, bevor ich meinen Mund aufmache, immer überprüfen, wie ich handeln - also sprachhandeln - möchte. Denn ich kann andere verletzen und ausgrenzen und welches demokratisch höhere Gut gäbe es, wenn nicht darauf zu achten, dass ich niemandes Würde verletze? Ist es nicht eine der höchsten Tugenden füreinander zu sorgen?

 

Möge dieser Artikel ein Bewusstsein für unser aller (Sprach)Handeln schaffen.

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